„Mehr Vielfalt wagen!“ – ein Plädoyer für das Prinzip Vielfalt in der Digitalisierung oder was Hamburg von Kanada lernen kann.



Meister, John (2019): „Mehr Vielfalt wagen!“ – ein Plädoyer für das Prinzip Vielfalt in der Digitalisierung oder was Hamburg von Kanada lernen kann, erschienen in: blickpunkt personal – Fachmagazin für Personalthemen, Ausgabe 01/2019, Hamburg, S. 15-18


Vielfalt ist die Voraussetzung für Empathie und Innovation. Empathie und Innovation schaffen die Grundlage für die Gestaltung der Digitalisierung. Kanada macht es vor.

Als Justin Trudeau im Jahr 2015 zum Premierminister Kanadas gewählt wurde, stellte er ein bunt durchmischtes Kabinett zusammen. Er besetzte seine Regierung paritätisch mit Frauen und Männern. Und er ging sogar noch einen Schritt weiter: Zu seinen Ministerinnen und Ministern gehören unter anderem eine Angehörige der indigenen Völker Kanadas, ein Inuit, vier Sikhs, eine Zugewanderte aus Afghanistan, ein Homosexueller, eine blinde Frau, ein querschnittsgelähmter Eishockeyspieler und ein Astronaut. Und warum das Ganze? Trudeaus kurze Antwort: „Weil wir das Jahr 2015 schreiben“.

Was hat das mit der Digitalisierung zu tun? Wer in der Digitalisierung erfolgreich sein will, muss eine ganze Reihe von Kompetenzen abdecken. Damit ist jedoch nicht nur hochspezialisiertes Fachwissen gemeint. Es geht insbesondere um die Fähigkeit, die heutige Welt neu zu denken, Mauern einzureißen und Menschen für Veränderungen zu begeistern. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Konsequenzen für die Praxis gezogen werden müssen.

Perspektivenvielfalt und Kreativität versus Dogma der Uniformität

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir umgeben uns gern mit Gleichgesinnten, weil es so schön einfach ist: Man denkt gleich, man tickt gleich, man arbeitet gleich. Widersprüche? Gibt’s nicht. In der Soziologie nennt man dieses Phänomen „homosoziale Reproduktion“, man kann auch einfacher vom (vermeintlichen) „Erfolgsprinzip Ähnlichkeit“ sprechen. Was passiert also nun, wenn man sich nur mit seinesgleichen umgibt? Statt Perspektivenvielfalt und Kreativität regiert dann das Dogma der Uniformität. Eine Organisation, die keine Unterschiede zulässt, ist jedoch weder willens noch in der Lage, bestehende „Verwaltungsmodelle“ grundlegend zu hinterfragen und zu transformieren. Stattdessen hält eine solche Organisation typischerweise an alte Denkmuster und tradierte Arbeitsweisen fest. Eine nutzen- und sinnstiftende Gestaltung der Digitalisierung kann unter solchen Rahmenbedingungen nicht gelingen.

Innovationen entstehen vielmehr vor allem dann, wenn man über den eigenen Tellerrand schaut und sich auf das Prinzip von Vielfalt einlässt. Gemeint ist damit eine Organisationskultur, in der Menschen mit

• verschiedener Herkunft,
• individuellen Lebensentwürfen und
• unterschiedlichen Perspektiven

zusammenarbeiten, um gemeinsame Ziele zu erreichen. In vielfältigen Teams kommen unterschiedlichste Denk- und Herangehensweisen zusammen, sodass Probleme aus vielen Blickwinkeln betrachtet und besser gelöst werden. Einseitiger Tunnelblick und Stillstand werden so verhindert, stattdessen entstehen Empathie und Innovationsfähigkeit – also jene Eigenschaften, die wir für die Digitalisierung dringend brauchen.

Vielfalt – Grundvoraussetzung für Erfolg

Damit eine Organisation Vielfalt als Erfolgsfaktor nutzen kann, braucht sie eine entsprechend offene Kultur, die unterschiedliche Meinungen und Vorgehensweisen zulässt und zugleich respektvollen Umgang miteinander voraussetzt. Gemeint ist also eine Kultur, die Unterschiedlichkeit nicht nur akzeptiert, sondern als Bereicherung wertschätzt. In der operativen Umsetzung müssen zum Beispiel die Führungskräfte vielfältige Teams aktiv fördern und etablieren. Vielfältige Teams sind partizipativ geprägt und verfügen über ein hohes Maß an Selbstorganisation. Das Fundament solcher Teams sind mithin individuelle Wertschätzung und Selbstverantwortung. Natürlich entstehen in vielfältigen Teams auch hin und wieder Reibungen – kein Wunder, wenn so viele unterschiedliche Menschen aufeinander treffen. Das ist im Regelfall aber auch völlig in Ordnung: In einer offenen Organisationskultur eingebettet (!), sind vielfältige Teams in der Lage, aus Reibung etwas Positives zu machen und das Team weiterzuentwickeln.

Die Digitalisierung ist weiblich

Fassen wir zusammen: Vielfalt ist also die Voraussetzung für Empathie und Innovation. Durch Empathie und Innovation schaffen wir die Grundlage für die Gestaltung der Digitalisierung.

Mit dieser Erkenntnis schlagen wir den Bogen zurück nach Kanada: Für Justin Trudeau steht die Gleichstellung von Frauen und Männern im Mittelpunkt seiner politischen Agenda. Auch hier können wir lernen. Frauen studieren häufiger Fächer  wie z.B. Sozial- und Geisteswissenschaften, während Männer etwa bei den Ingenieurswissenschaften oder der Informatik besonders stark vertreten sind. Mit der Digitalisierung ergeben sich jedoch neue Berufsfelder und „Skill-Schwerpunkte“ wie Kreativität, Kommunikationsstärke oder Interdisziplinarität, die besonders Frauen und Angehörige der oben genannten Disziplinen ansprechen. Auch Fähigkeiten wie Empathie und Vernetztes Denken gehören zu den typischen Stärken von Frauen. Und genau auf diese Fähigkeiten kommt es an, wenn wir nutzerzentrierte und kollaborative Methoden wie Design Thinking oder Scrum anwenden, um Innovationen zu generieren. Die Digitalisierung ist weiblich!


Zum Autor

John Meister, Politikwissenschaftler, Lehrbeauftragter an der HAW Hamburg und IT-Berater bei DigitalFirst im Amt für IT und Digitalisierung der Senatskanzlei:

„Hamburg ist eine bunte Metropole. In dieser wunderschönen Stadt leben Menschen mit unterschiedlichsten Lebensweisen, Weltanschauungen und Bedürfnissen. Auch die Hamburger Verwaltung wird immer vielfältiger. Nutzen wir diese Vielfalt für die Digitalisierung!“